Weilburg erinnert e. V.

Demokratie braucht Räume – Neuer Treffpunkt in der Weilburger Altstadt eröffnet

Weilburg. Ein ehemaliger Bäckereiladen in der Langgasse 26 hat eine neue Bestimmung gefunden: Am 28. August eröffnete der Verein „Weilburg erinnert“e. V. seinen Demokratie-Treffpunkt. Mitten in der Altstadt entstand damit ein Ort, an dem Austausch, Diskussion und Beteiligung möglich werden sollen – getragen von ehrenamtlichem Engagement und gefördert vom Bundesprogramm MITEINANDER REDEN.

Anke Föh-Harshman, Bürgermeister Dr. Johannes Hanisch und Markus Huth weihen den neuen Demokratie-Treffpunkt ein.

Feier im kleinen Kreis mit großer Bedeutung

Rund ein Dutzend Gäste hatte sich zur Eröffnung versammelt, unter ihnen Bürgermeister Dr. Johannes Hanisch, der Erste Stadtrat Heinz Schweitzer, Stadtverordnetenvorsteher Ulrich Marschall von Bieberstein sowie der SPD-Landtagsabgeordnete Tobias Eckert, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag. Auch Martin Rüttgers, Prozessbegleiter des Bundesprogramms MITEINANDER REDEN, war vor Ort.

Der Vorsitzende Markus Huth und die geschäftsführende Vorständin Anke Föh-Harshman führten die Anwesenden im Wechsel durch einen Eröffnungsdialog – eine dialogische Ansprache, die nicht nur den neuen Raum, sondern auch die Haltung des Vereins sichtbar machte.

„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, herzlich willkommen!“, eröffnete Markus Huth die Runde. „Besonders willkommen heißen wir unseren Bürgermeister, Herrn Dr. Johannes Hanisch, sowie Herrn Tobias Eckert. Es ist uns eine große Ehre, dass Sie beide heute bei uns sind.“

Föh-Harshman ergänzte: „Wir sind heute nur eine kleine Runde, rund ein Dutzend Personen, aber für uns ist das ein großer Moment. Denn wir eröffnen keinen gewöhnlichen Raum, sondern einen Treffpunkt, der mitten in der Stadt ein sichtbares Zeichen setzt: Demokratie braucht Orte, braucht Begegnungen, braucht Räume, in denen sie Tag für Tag gelebt wird.“ Es war dieser Ton, der den gesamten Nachmittag prägte: nicht pathetisch, sondern nahbar, getragen von dem Bewusstsein, dass Demokratie praktische Erfahrung braucht.

Die beiden Vorstandsmitglieder blickten zurück auf die Arbeit von Weilburg erinnert: Theaterprojekte mit Jugendlichen, Bildungsfahrten nach Dachau und München, internationale Begegnungen mit Partnern in Luxemburg, die Entwicklung des „Wegs der Erinnerung“ in Weilburg. „Unsere Arbeit konzentriert sich auf die Aufarbeitung der NS-Zeit hier in der Region“, erklärte Huth. „Aber unsere Arbeit endet nicht bei der Erinnerung. Wir müssen Fragen an die Gegenwart stellen. Denn die Mechanismen von Ausgrenzung, Abwertung und Spaltung gibt es auch heute. Manchmal leiser, manchmal lauter.“

Anke Föh-Harshman brachte es auf den Punkt: „Erinnern allein reicht nicht. Wir wollen gemeinsam überlegen, wie wir Mechanismen der Spaltung sichtbar machen und ihnen entgegentreten können.“

Leerstand wird Chancenraum

Besonderen Wert legten die Vorsitzenden auf den Symbolcharakter des Ortes: „Wir alle wissen, wie schwer es ist, leere Räume in der Altstadt wiederzubeleben“, sagte Föh-Harshman. „Mit dem Demokratie-Treffpunkt zeigen wir: Leerstand kann zu Chancenraum werden. Ein Raum, der nicht kommerziell genutzt wird, sondern dem Gemeinwohl dient.“ Ein Dank ging in diesem Zusammenhang an Vermieterin Antje Rabs-Baraldi, die das Projekt mit großem Vertrauen ermöglicht habe.

Dank an Unterstützer

Die Rednerinnen und Redner vergaßen nicht, den vielen Helferinnen und Helfern zu danken: den Vereinsmitgliedern, die gestrichen, Möbel geschleppt und organisiert haben; dem Grafiker Chris Straub, der das auffällige Schaufenster gestaltete; sowie Burkhard und Beatrix Höhne, die eine Möbelspende der Firma Kuraray aus Hattersheim vermittelt hatten.

„Alles, was Sie hier sehen, ist das Ergebnis ehrenamtlicher Arbeit“, unterstrich Anke Föh-Harshman. „Unser Verein arbeitet vollständig ehrenamtlich. Niemand erhält Geld für die vielen Stunden, die in Planung, Organisation und Umsetzung gesteckt wurden.“

Einen besonderen Dank richtete Huth an das Bundesprogramm MITEINANDER REDEN und den anwesenden Prozessbegleiter Martin Rüttgers. „Ohne diese Förderung wäre der Demokratie-Treffpunkt schlicht nicht möglich gewesen. Sie hat uns den finanziellen Rahmen gegeben, aus einer Idee Wirklichkeit werden zu lassen.“ Rüttgers selbst hob hervor, dass Weilburg hier ein bundesweit beachtetes Beispiel für gelungene Demokratiearbeit im ländlichen Raum geschaffen habe.


Demokratie lebt vom Dialog

Bürgermeister Dr. Hanisch richtete stellvertretend für alle politischen Vertreter ein Grußwort an die Anwesenden. „Demokratie muss jeden Tag aufs Neue Gestalt gewinnen. Unsere Demokratie lebt vom Dialog. Sie geben Bürgerinnen und Bürgern mit diesem Treffpunkt die Möglichkeit, Demokratie praktisch zu erleben und mitzugestalten.“

Der Verein nahm dies zum Anlass, eine Bitte an Stadt und Land zu formulieren: „Unsere Aufgabe ist es, diesen Ort nicht nur zu eröffnen, sondern auch dauerhaft zu sichern. Begleiten Sie uns ideell und finanziell. Denn Demokratie braucht Orte – und solche Orte sollten wir gemeinsam sichern.“

Wie soll der Treffpunkt gefüllt werden? Huth gab einen Ausblick: „Wir wollen Workshops anbieten, etwa Argumentationstrainings gegen menschenfeindliche Parolen. Wir wollen Jugendlichen ermöglichen, eigene Projekte zu starten, und Gesprächsabende für Erwachsene veranstalten. Wir laden alle ein, den Raum mitzunutzen – die Tür steht offen.“

Mit dieser Perspektive endete der Eröffnungsdialog: „Lassen Sie uns diesen Ort mit Leben füllen“, sagte Huth. „Machen wir ihn zu einem Platz, an dem Demokratie sichtbar, spürbar und erlebbar wird – mitten in unserer Altstadt.“

Nach den Reden blieb Zeit für Gespräche bei einem kleinen Empfang. Die Gäste besichtigten die Räume, diskutierten künftige Nutzungsmöglichkeiten und zeigten sich beeindruckt von der Verwandlung der ehemaligen Bäckerei. „Hier spürt man, dass Demokratie etwas mit uns allen zu tun hat“, meinte eine Besucherin.

Der Demokratie-Treffpunkt ergänzt künftig die breite Arbeit von „Weilburg erinnert“, die von Gedenkprojekten über Jugendtheater bis hin zu internationalen Jugendbegegnungen reicht. Darüber hinaus steht er auch anderen Vereinen, Initiativen und Organisationen offen, die die Räume für Treffen, Sitzungen oder Veranstaltungen nutzen möchten. Mit dem Demokratie-Treffpunkt hat Weilburg einen neuen Ort gewonnen, an dem Geschichte, Gegenwart und Zukunft ins Gespräch gebracht werden. Ein Ort, der zeigt: Demokratie beginnt vor Ort.