Weilburg erinnert e. V.

Eröffnung des Lern- und Erinnerungsort Weilmünster

Neuer Lern- und Erinnerungsort Weilmünster öffnet am 21. September

Dauerausstellung in der historischen Klinikkapelle erinnert an die Opfer der NS-„Euthanasie“ und macht die Geschichte der Landesheilanstalt Weilmünster zum Ausgangspunkt historisch-politischer Bildung

Weilmünster, September 2026. Nach mehreren Jahren der Recherche, Konzeption und Vorbereitung wird am Montag, 21. September 2026, um 17:30 Uhr der Lern- und Erinnerungsort Weilmünster eröffnet und der Öffentlichkeit übergeben. In der historischen Klinikkapelle auf dem heutigen Gelände von Vitos Weil-Lahn entsteht damit erstmals ein dauerhafter Ort, der spezifisch an die Opfer der nationalsozialistischen Medizinverbrechen erinnert, die Geschichte der Landesheilanstalt Weilmünster aufarbeitet und sie zum Ausgangspunkt historisch-politischer Bildungsarbeit macht.

Träger ist der gemeinnützige Verein Weilburg erinnert e. V., der das Projekt in enger Zusammenarbeit mit Vitos Weil-Lahn und weiteren Partnern realisiert. Die wissenschaftlich-kuratorische Leitung der Dauerausstellung liegt bei der Historikerin Anja Horstmann M. A., für die Gestaltung zeichnet das Büro KROPSHOFER*LOHNINGER aus Linz verantwortlich.

Mehr als 3.000 Tote in Weilmünster

Die Landesheilanstalt Weilmünster entwickelte sich während des Zweiten Weltkriegs zu einem Ort massenhaften Sterbens. Zwischen 1939 und 1945 wurden dort mehr als 3.000 Patientinnen und Patienten Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde. Hunger, systematische Unterversorgung und Vernachlässigung sowie gezielte Ermordung durch überdosierte Medikamentengaben prägten insbesondere während der Kriegsjahre die Lebensbedingungen. Menschen, deren Leben aufgrund von Krankheit oder Behinderung als minderwertig bewertet wurde, wurden systematisch entrechtet und einer Versorgung ausgesetzt, die für viele von ihnen tödlich endete.

Weitere rund 3.000 Menschen wurden von Weilmünster in die Tötungsanstalt Hadamar deportiert und dort ermordet. Der neue Erinnerungsort versteht sich deshalb auch als Ergänzung zur Gedenkstätte Hadamar: Er richtet den Blick auf die spezifische Geschichte Weilmünsters, auf die Menschen, die hier lebten und litten, und auf die Verbindungen zwischen beiden Orten.

Die Menschen hinter den Zahlen sichtbar machen

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen nicht allein Strukturen und Institutionen, sondern vor allem die Menschen, die verfolgt, entrechtet und ermordet wurden. Biografische Zugänge erzählen von ihren Lebenswegen, Familien, Hoffnungen und Beziehungen, aber auch von Ausgrenzung, Zwangssterilisation, Anstaltsunterbringung, Deportation und Tod.

Gerade in Weilmünster ist diese biografische Arbeit eine besondere Herausforderung. 1978 wurden große Teile der noch vorhandenen historischen Patientenakten vernichtet. Viele Lebensgeschichten lassen sich deshalb heute nur mühsam aus verstreuten Dokumenten, Archivbeständen und Erinnerungen von Angehörigen rekonstruieren. Die Ausstellung versucht deshalb, den Menschen hinter den verbliebenen Akten und Zahlen wieder Namen, Gesichter und individuelle Geschichten zu geben.

Klassische Ausstellungselemente werden dabei mit digitalen und interaktiven Angeboten verbunden. Multimediale Stationen ermöglichen eine vertiefende Beschäftigung mit einzelnen Biografien und historischen Quellen. Ein digitales Gedenkbuch erinnert an die Opfer, während das „Offene Archiv“ dazu einlädt, selbst genauer hinzusehen, Dokumente zu untersuchen und sich mit ihrer Überlieferung und Aussagekraft auseinanderzusetzen.

Erinnern und Lernen gehören zusammen

Der neue Ort soll dabei ausdrücklich mehr sein als eine historische Ausstellung. Er versteht sich zugleich als außerschulischer Lernort für die Region Mittelhessen. Neben dem individuellen Ausstellungsbesuch werden historische Geländerundgänge, Führungen, Workshops und mehrstündige Projekttage angeboten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Schulen und jungen Menschen; auch Peer-Guides sollen Jugendliche künftig bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte begleiten.

Die Beschäftigung mit der Vergangenheit führt dabei immer wieder zu Fragen, die auch die Gegenwart berühren: Wie entstehen gesellschaftliche Vorstellungen vom Wert eines Menschen? Wie kann Sprache Ausgrenzung vorbereiten? Welche Verantwortung tragen Institutionen und einzelne Menschen? Und wie geht eine Gesellschaft mit Menschen um, denen Eigenschaften wie „anders“, „krank“, „schwach“ oder „nicht leistungsfähig“ zugeschrieben werden?

Rund 265.000 Euro für einen dauerhaften Erinnerungs- und Bildungsort

Die historische Klinikkapelle wurde in den vergangenen Monaten denkmalfachgerecht saniert und instand gesetzt und zugleich behutsam für ihre neue Nutzung als Ausstellungs- und Bildungsort vorbereitet.

Weilburg erinnert e. V. hat rund 215.000 Euro in den Aufbau des Lern- und Erinnerungsortes, die Ausstellung, Ausstattung sowie begleitende Sanierungsmaßnahmen investiert. Vitos hat weitere rund 50.000 Euro für die denkmalfachgerechte Sanierung und Instandsetzung der historischen Klinikkapelle aufgewendet.

Für den überwiegend ehrenamtlich getragenen Verein war der Aufbau damit auch finanziell und organisatorisch eine große Kraftanstrengung. Möglich wurde das Vorhaben durch öffentliche und private Fördermittel, Spenden, die Unterstützung zahlreicher Partner und umfangreiches ehrenamtliches Engagement. Zu den wichtigen Förderern gehören die Deutsche Postcode Lotterie und die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ).

Feierliche Eröffnung am 21. September

Die feierliche Eröffnung beginnt am Montag, 21. September 2026, um 17:30 Uhr auf dem Klinikgelände in Weilmünster. Vertreterinnen und Vertreter der beteiligten Institutionen und Projektpartner werden zunächst die Bedeutung des neuen Erinnerungsortes würdigen. Für den Landeswohlfahrtsverband Hessen spricht Landesdirektorin Susanne Simmler ein Grußwort; weitere Beiträge kommen aus Weilmünster, von Vitos und aus der Gedenkstättenarbeit.

Auch die Entstehung des Projekts sowie die inhaltliche und gestalterische Konzeption der Ausstellung werden vorgestellt. Ein Theaterbeitrag und musikalische Begleitung ergänzen das Programm. Anschließend führt der gemeinsame Weg zur historischen Klinikkapelle, wo der Lern- und Erinnerungsort offiziell eröffnet und die Ausstellung erstmals für die Gäste zugänglich wird. Rund 150 Gäste werden zur Eröffnung erwartet.

Ab Oktober regelmäßig geöffnet

Nach der Eröffnung steht die Ausstellung an jedem ersten Samstag im Monat von 14:00 bis 18:00 Uhr Individualbesuchern offen; eine vorherige Anmeldung ist nicht erforderlich.

Gruppen können den Lern- und Erinnerungsort darüber hinaus jederzeit nach vorheriger Vereinbarung besuchen. Für Schulklassen, Jugendgruppen, Vereine, Bildungseinrichtungen und andere Gruppen werden unterschiedliche pädagogische Formate angeboten.

So soll in der historischen Klinikkapelle dauerhaft ein Ort entstehen, der die Erinnerung an die Opfer bewahrt, ihre Geschichten sichtbar macht und Menschen dazu einlädt, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und daraus Fragen an die Gegenwart zu stellen.

Historische Dokumente und Fotos gesucht: Für die weitere Erforschung der Geschichte des Krankenhausstandortes Weilmünster sucht Weilburg erinnert e. V. weiterhin historische Dokumente, Unterlagen und Fotografien. Von Interesse sind dabei nicht nur Materialien aus der Zeit des Nationalsozialismus, sondern ausdrücklich auch zur Entwicklung der psychiatrischen Versorgung in Weilmünster nach 1945 bis in die 1980er Jahre. Wer entsprechende Unterlagen oder Fotos besitzt oder Hinweise geben kann, ist herzlich eingeladen, sich unter 06471 42 99 113 oder per E-Mail an bildung@erinnerungsort-weilmuenster.de zu melden.

Weitere Informationen: www.erinnerungsort-weilmuenster.de

 

Datum

21 Sep. 2026
Vorbei!

Uhrzeit

17:30

Kosten

Kostenlos
Lern- und Erinnerungsort Weilmünster

Veranstaltungsort

Lern- und Erinnerungsort Weilmünster
Auf dem Klinikgelände, Kapelle, Weilstraße 10, 35789 Weilmünster
Website
https://erinnerungsort-weilmuenster.de
Kategorie
Weilburg erinnert e. V.

Veranstalter

Weilburg erinnert e. V.
E-Mail
info@weilburg-erinnert.de
Website
http://www.weilburg-erinnert.de
Anmeldung Eröffnungsfeier