Hier in Weilmünster vor 80 Jahren

Schülerinnen und Schüler der Weiltalschule präsentieren theatrale Collage von Opfern und Tätern zum NS-Krankenmord in Weilmünster

(WEILMÜNSTER). „Vor 80 Jahren geschah hier – genau an diesem Ort – Ungeheuerliches, Grausames und Unvorstellbares. Gezielt und planvoll durchgeführt von den Nationalsozialisten: Die Ermordung von Menschen, die im Nationalsozialismus als unwert bezeichnet wurden.“ Mit diesen Worten beginnt das von den Schülerinnen und Schülern der Klasse G9a der Weiltalschule in Weilmünster erarbeitete Theaterstück zu den Krankenmorden, die zur Zeit des Nationalsozialismus auf dem Gelände der damaligen Landesheil- und Pflegeanstalt Weilmünster (heute Vitos Weil-Lahn) verübt wurden.

Es ist beachtlich, was die Schülerinnen und Schüler in nur einer theaterpädagogischen Projektwoche mit viel Fleiß und Ehrgeiz unter Anleitung der beiden Schauspieler Crischa Ohler und Sjef van der Linden vom Theater Mini-Art aus Bedburg-Hau erarbeitet haben. In nur vier Tagen entstand mit von den Schülerinnen und Schülern verfassten Dialogen und Monologen eine theatrale Collage, die ein facettenreiches Bild des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte zeichnet. Dabei gelang es der Klasse, die Ermordung von Menschen mit psychischen oder physischen Einschränkungen zwischen 1933 und 1945 in den Landesheil- und Pflegeanstalten Hadamar und Weilmünster sowohl aus der Oper- als auch der Täterperspektive eingehend zu beleuchten. In insgesamt 35 Szenen zeigten die jungen Laienschauspielerinnen und -schauspieler überzeugend, wie eine menschenverachtende Ideologie, Angst und auch Ignoranz innerhalb der Bevölkerung dies ermöglichten. Grundlage dieser Inszenierung bildeten historische Quellen und biografisches Material, das Markus Huth vom Verein „Weilburg erinnert“ gemeinsam mit der Klasse im Vorfeld der Projektwoche erarbeitete.

Am Freitag, dem 8. Juli präsentierten die Schülerinnen und Schüler in insgesamt zwei vollbesetzen Vorstellungen dem Publikum unter Standing Ovation ihr emotional mitreißendes Stück im Festsaal der Vitos Klinik. Dabei war der Aufführungsort selbst von hoher symbolischer und historischer Bedeutung, da die heutige Vitos-Klinik auf dem Gelände der damaligen Landesheil- und Pflegeanstalt liegt, von wo aus über 3.000 Patientinnen und Patienten in sogenannten „grauen Bussen“ in die Tötungsanstalt Hadamar gebracht und dort vergast wurden. Aber auch in Weilmünster selbst wurden mehr als 3.000 Menschen vor Ort durch überdosierte Medikamentengabe und Nahrungsentzug ermordet. Daher leistet das Projekt nicht zuletzt einen wichtigen Beitrag zur lokalen Erinnerungskultur. „Mit diesem Projekt hat das erste Mal eine von der Bevölkerung Weilmünsters ausgehende Beschäftigung mit der Thematik stattgefunden, das macht uns als Schulgemeinde sehr stolz“, so Anette Schmittel, Schulleiterin der Weiltalschule. Mit der Klasse G9a und ihrer Klassenlehrerin Angela Krüger habe sich auch direkt eine engagierte Klasse gefunden, mit der das Projekt umgesetzt werden konnte.

Dass dabei die Wahl auf eine Schulklasse aus Weilmünster selbst fiel, war kein Zufall, wie Markus Huth, Vorsitzender von „Weilburg erinnert“, erklärte. Um Geschichte greifbar und authentisch zu machen, sei es der Wunsch des Vereins „Weilburg erinnert“ gewesen, dass sich eine Schulklasse aus

Weilmünster direkt am Ort des Geschehens mit der Thematik auseinandersetzt. Die Zusammenarbeit zwischen dem Verein „Weilburg erinnert“, der sich um die Finanzierung des Projektes und die gesamte Projektkoordination sowie Projektorganisation kümmerte, und der Weiltalschule sei besonders gewinnbringend und gut gewesen. „Wir sind sehr dankbar,“ so Huth weiter, „dass die Zusammenarbeit durch das große Engagement der Klassenlehrerin Angela Krüger und der guten Unterstützung durch die Schulleiterin Anette Schmittel so angenehm war, da eine der Hauptaufgaben des Vereins die Erinnerungsarbeit und politische Bildungsarbeit für Jugendliche sei.“ Gefördert wurde das Projekt von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) im Rahmen des Förderprogrammes „local history“. Schule und Verein bedanken sich auch besonders bei Vitos Weil-Lahn, die die Räumlichkeiten und Requisiten kostenlos zur Verfügung stellten.

Auch die Jugendlichen zeigten sich sehr begeistert von der besonderen Form der Wissensvermittlung. „Die Woche war sehr informativ, indem sie die Brutalität und Skrupellosigkeit der Nazis sehr gut veranschaulicht hat. Ebenfalls toll war, dass jeder mitgearbeitet hat, was im Schulunterricht eher weniger vorkommt. Alles in allem ein sehr schönes Projekt und eine gute Erfahrung“, meint beispielsweise der Schüler Robert Schimpf. Und seine Klassenkameradin Aimee Bullmann ergänzt: „Ich persönlich habe aus dem Projekt mitgenommen, dass man alle Menschen wertschätzen sollte und man andere Menschen unterstützen kann, wenn diese Hilfe benötigen oder einfach ‚anders’ sind. Ich gehe nun mit vielen Menschen respektvoller um“.

Der Verein arbeitet mit dem Kinder- und Jugendtheater Mini-Art aus Bedburg-Hau bereits seit 2018 zusammen. Da das Theater selbst zwei Stücke zu den Krankenmorden im Programm hat und durch die jahrelange Zusammenarbeit zwischen Verein und Theater eine enge Freundschaft entstanden sei, war mit Mini-Art auch direkt der richtige Ansprechpartner für ein solches Projekt gefunden. „Die Aufarbeitung der NS-Krankenmorde ist uns ein Herzensanliegen“, erklärt Crischa Ohler. Und Sjef van der Linden ergänzt: „Da unser Theater seit 25 Jahren seinen Sitz auf einem Klinikgelände hat, ist die Auseinandersetzung mit diesen schlimmen Verbrechen auch ein Teil unserer Theatergeschichte“.

„Wir jungen Menschen sollten wissen, was damals passiert ist, damit sich so etwas nie wieder ereignet. Wir sind die Zukunft dieser Gesellschaft. Wir sind die Zukunft für diese Welt.“ Mit diesen Worten endet das Stück, in dem die Schülerinnen und Schüler auch die Bezüge zur heutigen Zeit nicht aussparten, um zu verdeutlichen, wie wichtig die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zur Stärkung der heutigen Demokratie ist. So stellen die Schülerinnen und Schüler in der Szene „Debattierclub“ fest, „auch die Beeinflussbarkeit und Lenkbarkeit von Menschen hat nicht abgenommen. Früher haben Menschen aus Überzeugung und aus Angst beim Nationalsozialismus mitgemacht und sie wurden durch diese Angst gelenkt. In der heutigen Zeit sind Menschen ebenfalls beeinflussbar.“

Eine Szene aus dem Stück: Eine Ärztin und Pflegerin unterhalten sich über die Verlegung von Patienten von Weilmünster aus nach Hadamar, Foto: Daniel Richardt